Mädchen und Frauen im Nationalsozialismus CD-Rom

„Ausreißen hätte man nicht gekonnt.“. Mädchen und Frauen im Nationalsozialismus. Alltag und Verfolgung
Eine Info-CD für Jugendliche ab 14 Jahren

Wie fühlte sich Hedy, als ihre Eltern sie nach England schickten? Warum musste Inge einen gelben Stern am Mantel tragen? Arbeiteten deutsche Frauen als KZ-Aufseherinnen? Warum verfolgten die Nazis jugendliche Cliquen? – diese und viele andere Fragen beantwortet die multimediale Präsentation von Forum FrauenGeschichte, die die Erfahrungen verfolgter Mädchen und Frauen im nationalsozialistischen Alltag darstellt. Persönliche Berichte und Photos, ergänzt durch zeitgeschichtliche Dokumente, veranschaulichen die Schicksale verschiedener Zeitzeuginnen, die als Jüdinnen, als so genannte Mischlinge, als asozial Diskriminierte, als Sintezze oder als Widerstandskämpferinnen von den Nationalsozialisten verfolgt und bekämpft wurden. Eingeblendet werden dabei auch die Tätigkeiten und Handlungsmotivationen von Mitläuferinnen und Täterinnen wie z. B. SS-Aufseherinnen und Ärztinnen in den Konzentrationslagern.

Die Präsentation lebt durch das Einblenden von Originaltönen und Videomitschnitten, die durch zahlreiche Interviews mit Zeitzeuginnen entstanden. Zum Beispiel mit Inge Auerbacher, die heute in New York lebt und sich auf einer Studienfahrt in das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt mit Forum FrauenGeschichte zu einem Interview traf. Sie stammt aus einer jüdischen Familie in einem kleinen badischen Dorf und wurde mit ihren Eltern von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt verschleppt, als sie sieben Jahre alt war. Wie sahen die Überlebensstrategien eines kleinen Mädchens angesichts des perfiden nationalsozialistischen Ghetto- und Lagersystems aus? Inge Auerbacher: „Also ich war immer im Dreck, hab’ immer gewühlt, ob da was zu finden war. Ich war auch sehr gut im Tauschen, es wurde immer alles eingetauscht. Ich habe auch auf noch kleinere Kinder aufgepasst für ein Stück Brot. Es war my first Job, Babysitting für einen Kanten Brot. Ich war ein richtiges Ghettokind, ich war tough, very tough und das habe ich dort gelernt.“ Inge Auerbacher überlebte die Shoa mit Mutter und Vater und konnte sich nach der Befreiung in den USA als Chemikerin ein neues Leben aufbauen.

Die Wienerin Lisl Jäger lebt heute in Berlin. Schon ihre Mutter war im kommunistischen Widerstand gegen die Austrofaschisten und die deutschen Nationalsozialisten aktiv, und so fing auch das junge Mädchen Lisl bald an, in der Widerstandsbewegung bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Die gesamte Familie war in den Widerstand mit eingebunden: „Meine Großmutter hat alles gemacht, was meine Mutter gesagt hat. Wir haben z. B. in unserer Wohnung Flugschriften und kleine Zeitungen hergestellt. Wir hatten eine sehr sonnige Wohnung mit Balkon und großen Fenstern. Und meine Schwester oder die Mama haben die Dinger auf einem Vervielfältigungsapparat hergestellt, und die anderen haben alles auf dem Fußboden ausgelegt, und wenn die letzten Blätter hingelegt worden sind, dann waren die ersten schon wieder trocken. (...) An etwas, was mir heute noch Spaß macht, erinnere ich mich, obwohl es der Mama nicht recht gewesen ist. In unserer Nähe gab es ein Straßenbahndepot, und in der Früh, wenn die ersten Straßenbahnzüge herausgefahren sind, mussten die gleich um eine scharfe Ecke. Und wir haben dann so einen Stoss Flugzettel auf den ersten Wagon gelegt, und wenn der um die Kurve gefahren ist, dann war das alles verstreut. Da waren wir dann aber schon wieder im Bett. Also, an solche Dinge erinnere ich mich natürlich heute noch mit großem Vergnügen.“ Aufgrund ihrer Tätigkeit wurde sie zwei Jahre nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich von den Nazis inhaftiert und wegen Hochverrats in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gesperrt.
Rosa Lehmann gehört zur Gruppe der deutschen Sinti. Die gebürtige Fürtherin wurde nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mit ihrer Familie am 8. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo ihre beiden kleinen Kinder im Alter von vier und acht Jahren ermordet wurden. Weiter verschleppt in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, musste sie schließlich in einem Außenlager von Bergen-Belsen Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie leisten. Auf dem Todesmarsch gelangen ihr die Flucht und die Rückkehr nach Hause. Auch ihr Mann hatte den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma überlebt.

Viele weitere Zeitzeuginnen kommen zur Wort, so Anita Köcke, die von der Loretta Walz Videoproduktion interviewt und gefilmt worden war und deren Materialien Forum FrauenGeschichte zur Verfügung gestellt wurden. Anita Köcke kam als so genanntes asoziales Mädchen in das Mädchen-Konzentrationslager Uckermark, das beim Frauen-KZ Ravensbrück errichtet worden war. Die Nationalsozialisten nannten dieses KZ „Jugendschutzlager“ – ein euphemistischer Begriff, denn der Schutz kam nicht den Jugendlichen selbst zu, sondern ganz im Gegenteil sollte die „Volksgemeinschaft“ vor ihnen geschützt werden.

Die vier Macherinnen von Forum FrauenGeschichte, einer Projektgruppe von IMEDANA e.V., dem Nürnberger Institut für Medien- und Projektarbeit mit Sitz in Nürnberg, beabsichtigten, Jugendlichen mit dieser Info-CD eine andere Perspektive auf Geschichte, auf politische AkteurInnen und deren Alltagshandeln zu bieten. Mit der „persönlichen“ Darstellung von Mädchen und Frauen als handelnde und erlebende Personen soll ein Gegengewicht zu der männerdominierten Darstellung von Geschichte gesetzt werden.
Die CD-ROM entstand im Austausch mit Jugendgruppen. In Workshops wurden die geschichtlichen Interessen und das bereits vorhandene Wissen der Jugendlichen erkundet, und sie testeten verschiedene Multimedia-CDs. Die dabei gewonnenen Ergebnisse bildeten die Grundlage der CD-Struktur. Jugendliche erhielten Gelegenheit, inhaltliche Vorgaben zu machen, Wünsche zu äußern, Themen vorzuschlagen und Einfluss auf das äußere Erscheinungsbild zu nehmen. Auch wurden Gespräche mit Zeitzeuginnen von den Mitarbeiterinnen von Forum FrauenGeschichte vorbereitet und von den Jugendlichen selbst durchgeführt.

Autorin: Nadja Bennewitz

 

„Ausreißen hätte man nicht gekonnt.“ Mädchen und Frauen im Nationalsozialismus. Alltag und Verfolgung. Eine multimediale Präsentation von Forum FrauenGeschichte, Michaela Baetz, Nadja Bennewitz, Heike Herzog, Steffi Weigel. Die CD-ROM richtet sich an Jugendeinrichtungen, Mädchenprojekte, die freien Bildungsarbeit, Schulen, Gedenkstätten und an interessierte Privatpersonen. Auf Anfrage bieten die Mitarbeiterinnen von Forum FrauenGeschichte Workshops für Jugendliche und MultiplikatorInnen für den Ersteinstieg an.
Die Erstellung der multimedialen Präsentation wurde gefördert im Rahmen des Aktionsprogramms „Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“. Anfragen und Bestellungen an: IMEDANA e.V., Kopernikusplatz 12, 90459 Nürnberg, T. 0911 534646, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.