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Berlin ... Endstation - von Edgar Hilsenrath
Geschrieben von: Matthias Reichelt
Edgar Hilsenrath: „Berlin ... Endstation“, Berlin: Dittrich Verlag 2006.
Vergessen kann er nicht, aber schreiben! Edgar Hilsenraths neuester Roman.
Edgar Hilsenrath, dessen 80. Geburtstag im April mit einem Festakt im Rathaus Schöneberg gefeiert wurde, war 1975 aus den USA in die Bundesrepublik zurückgekehrt, um sich in West-Berlin niederzulassen. Joseph Leschinsky – genannt Lesche – war ebenfalls im Exil und legt in Hilsenraths neuestem Roman „Berlin ... Endstation“ den gleichen Weg zwölf Jahre später zurück. Dieser Roman ist als zehnter Band der sorgfältig edierten Werkausgabe im Dittrich-Verlag erschienen und knüpft thematisch an „Fuck America“ an. Vor seiner Abreise aus New York trifft Lesche in dem bekannten Emigrantencafé 86. Straße Ecke Broadway noch mal auf den deutschen Juden Singer. Lesche erzählt ihm von seinen Umzugsplänen und erwähnt, dass man in Berlin plane, ein Holocaust-Mahnmal zu bauen, worauf Singer entgegnet: „Das ist ein schlechter Witz ... Ganz Deutschland ist ein Holocaust-Mahnmal“. Dieses Aperçu charakterisiert die von Philosemitismus und offenem Antisemitismus geprägte Atmosphäre, die Lesche in Berlin antrifft. Aber er reist nicht der Menschen wegen, sondern um seiner einzig wahren Geliebten nahe zu sein, der deutschen Sprache. Die Jüdische Gemeinde vermittelt ihm ein Zimmer bei einer ehemals treuen Nazianhängerin, die zum jüdischen Glauben konvertiert ist. Später wird er eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Steglitz beziehen. Lesche will sich heimisch fühlen in Berlin und bestellt Bier und Buletten an einem Imbiss. Mit der von langer Sehnsucht geprägten Neugier und Distanz des heimkehrenden Exilanten nimmt Lesche Berlin wahr. Zaghaft knüpft er erste Kontakte zur Literaturszene Berlins. Und dann ist da immer wieder der männliche, reduzierende Blick auf die Frauen, die Suche nach Sex und Liebe, was auch aus anderen Romanen Hilsenraths bekannt ist. Einmal mehr ähneln die Geschichten des Protagonisten Lesche – in anderen Büchern ist es Bronsky, Zibulsky, Ranek, Jablonski – dem wahren Leben von Edgar Hilsenrath. Nachlesen kann man das in einer liebevoll verfassten und von Hilsenrath autorisierten Biografie, die jetzt ebenfalls beim Dittrich Verlag erschienen ist. Verfasst wurde sie von Helmut Braun, Hilsenraths erstem Verleger in der Bundesrepublik. Miteinander bekannt gemacht wurden Autor und Verleger 1975 von Klaus Peter Herbach, Pressereferent der Akademie der Künste Berlin und Gründer des heute noch existenten Buchhändlerkellers in der Carmerstraße. Die parallele Lektüre von Biografie und Hilsenraths neuem Roman könnte einen auf die Idee bringen, das Buch als Schlüsselroman zu lesen. Herbach, der 2004 verstorben ist, tritt unter seinem Namen auf. Klaus Wagenbach, der unverständlicherweise Hilsenraths berühmtesten Roman „Der Nazi und der Friseur“ abgelehnt hatte, heißt hier Klaus Wagenbaum. Hinter der Malerin Nadja Weber aus Kreuzberg, für die Lesche ein Vorwort schreibt, verbirgt sich Natascha Ungeheuer. Ihr Lebensgefährte und Schriftsteller Johannes Schenk heißt Jochen Romanov. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, aber dennoch lehnt Edgar Hilsenrath das Attribut autobiografisch mit Recht ab. Denn dass ein Autor sein Leben als Materialfundus nimmt, ist kaum der Rede wert. Das Arrangement, die kleinen Details, die zeitliche Anordnung sind Fiktion und unterliegen allein der „Willkür“ des Autors. Für Helmut Braun ist es deshalb kaum verständlich, dass Hilsenrath Verlagen erlaubte, seine Bücher als „autobiografisch“ zu bewerben. Lass sie mal schreiben, wichtig sind die Romane selber, hat sich wahrscheinlich Hilsenrath gesagt und wird sich genüsslich eine neue Zigarette angezündet haben.
Also kehren wir zurück zu Lesche, der mittlerweile im Literaturbetrieb in Berlin angekommen ist. Sein Roman „ Der Jude und SS-Mann“ (Der Nazi und der Friseur) ist mit Erfolg endlich in deutscher Sprache erschienen und hat Aufmerksamkeit erweckt. Lesche kann jetzt kurze Erzählungen für den Tagesspiegel schreiben, erhält ein Stipendium vom Senat und widmet sich seinem nächsten großen Thema: dem Völkermord an den Armeniern. Recherchen in der Staatsbibliothek ergeben, dass er unbedingt nach San Francisco muss, da dort die wichtigsten Dokumente über Alltag, Geschichte und Kultur der Armenier lagern. Banaler Alltag und die Trauer über die Ermordung von Millionen Menschen liegen wie immer bei Hilsenrath nah beieinander, eingebettet in klare und kurze Sätze. Wie könnte es auch anders sein, in einem Land, in dem sich Lesche beim Anblick der alten Generation immer wieder fragen muss: Mörder oder Mitläufer? Lakonie wird zu Sarkasmus wird zu Humor. Hilsenraths Humor hat aber keine auslöschende, heilende oder harmonisierende Wirkung, sondern ist die einzige Form, das Leben ertragen. Lesche und Hilsenrath als Überlebende haben die Geschichten immer präsent. Sie können sie nie vergessen und tragen sie als ständiges Gepäck bei sich. Auf dem Flug nach San Francisco verliebt sich Lesche in eine schöne armenische Buchhändlerin und erzählt aus seinem Leben. Die Überlebensgeschichte beendet er mit dem Satz: „Ich könnte noch stundenlang vom Holocaust erzählen.“
Autor: Matthias Reichelt
Edgar Hilsenrath: „Berlin ... Endstation“, Berlin: Dittrich Verlag 2006, 244 S., € 19,80
Helmut Braun: „Ich bin nicht Ranek. Annäherungen an Edgar Hilsenrath“, Berlin: Dittrich Verlag, 2006, 288 S., € 19,80
